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Fenjas Tagebuch

Ich bin Fenja. Marxdorfer Wolfshund, weiblich, und nach eigener Einschätzung das Beste, was meinem Menschen je passiert ist. Hier erzähle ich selbst, wie aus einem fünf Kilo schweren Wirbelwind die Hündin wurde, die heute neben ihm durch den Wald läuft. Aus meiner Sicht. Die ist nämlich die richtige.

Mein Name kommt aus dem Norden. Fenja heißt eine Riesin aus alten Geschichten, bekannt für ihre Kraft, und im althochdeutschen "fridu" stecken Friede und Schutz. Mein Mensch hat lange Listen gewälzt, bis er darauf kam. Friedlich und stark zugleich, fand er, das passt. Wie er auf "friedlich" kam, weiß ich bis heute nicht, aber ich lasse ihm den Glauben.

Er nennt sich im Netz DarkWolf, dabei bin ja wohl eindeutig ich die Wölfin hier. Geschenkt. Was du jetzt liest, ist mein Welpentagebuch. Mein Mensch behauptet gelegentlich, manche Dinge hätten sich anders zugetragen. Da irrt er sich.

Fenja als Marxdorfer-Wolfshund-Welpe, wenige Wochen alt, mit großen Pfoten und aufmerksamem Blick
So fing alles an: elf Wochen, fünf Kilo, hundert Prozent Selbstbewusstsein.
Tag 1 · August 2024

Die lange Reise

Mein erster großer Tag bestand vor allem aus Auto. Zwölfhundert Kilometer hat mein Mensch insgesamt zurückgelegt, achthundert davon mit mir an Bord, und auf der Rückfahrt war er nur noch halb bei Bewusstsein. Mir ging es bestens. Ich hatte zu tun: alles beschnuppern, was nach Welt roch.

Mit dabei war eine große Husky-Hündin, und in die habe ich mich auf der Stelle verliebt. Die Liebe ist bisher etwas einseitig, sie bleibt cool, aber ich arbeite daran. Ihr Kuscheltier habe ich vorsichtshalber schon mal mit den Welpenzähnen geprüft. Ein paar Löcher später war die Sache klar: gehört jetzt mir. Das neue Körbchen zu Hause habe ich umgehend zu meinem Königreich erklärt. Nur der Fernseher, dieser Kasten mit den blinkenden Lichtern und seltsamen Geräuschen, war mir nicht geheuer. Mein Mensch hat ihn auf Standbild ohne Ton gestellt, ein bisschen gekuschelt, und da habe ich beschlossen, ihn am Leben zu lassen.

Errungenschaft: Eingezogen. Erste Nacht: kaum geschlafen, beide nicht. Reine Vorfreude.

Fenja als Welpe auf dem Autositz, müde nach der langen Fahrt ins neue Zuhause
Achthundert Kilometer Auto. Anstrengender, als ich zugebe.
Die ersten Tage

Lektion eins: das Wort "Nein"

In den ersten Tagen habe ich ein neues Wort gelernt, und zwar gründlich: "Nein". Nicht ins Sofa beißen. Nicht am Tisch knabbern. Und vor allem nicht die Finger meines Menschen durchbeißen. Ich verstehe ja, dass ich aufpassen soll, aber die Versuchungen sind nun mal überall. Immerhin erklärt er mir in Ruhe, warum das alles tabu ist. Ich versuche, es mir zu merken. Manchmal klappt es sogar.

Dann kam der Futterball. So ein cleveres Ding, in das mein Mensch Futter packt, das ich herauskullern muss. Mit Trockenfutter? Ehrlich, da habe ich ihn nur müde angeschaut. Als er ihn aber mit meinen Lieblingssnacks füllte, war die Sache plötzlich hochspannend, und ich habe das Ding quer durchs Zimmer manövriert, bis der letzte Krümel draußen war. Danach war ich angenehm müde, im Kopf und in den Beinen. Eine echte Entdeckung habe ich auch gemacht: Hundepipi-Matten lassen sich hervorragend zerreißen. Mein Mensch sah das anders und hat sie weggeräumt. Schade.

Erste Wochen

Meine Erzfeinde, die Saugmonster

Es gibt da ein Ding, das selbständig durch die Wohnung fährt und so tut, als würde es putzen. Ich traue ihm nicht. Panik bekomme ich nie, dafür bin ich zu cool, aber Abstand halte ich grundsätzlich. Als mein Mensch mich mit Leckerchen zu dem Apparat locken wollte, habe ich klargestellt: ohne mich. Leckerchen bekomme ich auch ganz ohne diesen rollenden Kollegen. Das ist keine Angst, das ist Prinzip.

Den kleinen Bruder davon, einen Staubsauger zum in-der-Hand-halten, habe ich dagegen besiegt. Der brummte, vibrierte und sah aus, als wollte er uns beide verschlingen. Also habe ich ihn kräftig angebellt und damit erfolgreich verjagt. Erfolgreich, das betone ich. Dass es angeblich nur ein Akku-Handstaubsauger war, muss ja niemand wissen. Seitdem bin ich im Haushalt die Heldin vom Dienst. Zur Belohnung gab es Möhrensuppe, eine völlig neue Köstlichkeit, süß und ein bisschen herzhaft. Ich bekam nur etwas davon. Seitdem schleiche ich öfter mal in die Küche, nur um zu sehen, was da so für mich vorbereitet wird.

Tag 13 · Oktober 2024

Mein Mensch, der Langschläfer

Jetzt zu etwas Ernstem. Mein Mensch hat es zweimal hintereinander nicht geschafft, mich morgens rechtzeitig rauszulassen. Ich lag da, schlief, und dann kam dieses unaufhaltsame Gefühl: ich muss raus, sofort. Und was macht er? Träumt seelenruhig weiter. Als er endlich wach wurde, gefühlt nach zweiundsiebzig Stunden, durfte ich auf die Wiese. Die Erleichterung war so groß, als hätte ich den Jackpot geknackt. Aber mal ehrlich: Wie oft soll das noch passieren? Ich überlege, den Tierschutz anzurufen. Oder wenigstens den Hundeverband für nächtliche Notfälle. Gibt es so etwas? Sollte es.

Weil Beschweren allein nichts bringt, habe ich mir eine Strategie ausgedacht. Ich setze mich vor die Tür, schaue treu, kneife die Augen ein wenig zusammen, als durchlebte ich ein Drama. Keine fünf Sekunden später kam mein Mensch angerauscht und leinte mich an. Test bestanden. Beim zweiten Versuch schaute er mich zwar an, als wäre da etwas faul, aber der Trick funktionierte trotzdem. Den auf Snacks auszuweiten steht ganz oben auf meiner Liste. Ich gehe jetzt übrigens schon mal zur Tür. Nur zur Sicherheit.

Wolfshund-Welpe Fenja sitzt erwartungsvoll auf einem Sandweg und schaut bittend in die Kamera
Dieser Blick. Damit bekomme ich jede Tür geöffnet.
Zwischendurch

Meine Höhle

Eine große Transportbox ist bei uns eingezogen, und am Anfang fand ich sie riesig und unheimlich. Mein Mensch hat sich sogar selbst hineingesetzt und mich gerufen, was schon ein Bild für sich war. Heute ist die Box meine Höhle und mein Lieblingsplatz. Drinnen ist es angenehm dunkel und kuschelig. Neulich war sie sogar komplett verschlossen, alle Ausgänge dicht, und es hat mich kein bisschen gestört. Ich habe mich hingelegt und ein Nickerchen gehalten. Wer hätte gedacht, dass so ein großes, komisches Ding mal mein Rückzugsort wird.

Tag 14 · Oktober 2024

Die schwerste Entscheidung meines Lebens

Erst die Pflicht: Auf dem Morgenspaziergang stand ein fremder Mann mit einem Schirm herum, und der Schirm sah verdächtig aus. Also habe ich ihn leise angeknurrt und kurz angebellt. Man weiß ja nie. Mein Mensch ließ mich "Sitz" machen, das hat mich abgelenkt und beruhigt. Schließlich bin ich hier, um ihn zu beschützen, egal ob vor Schirmen oder Monstern.

Dann die Kür. Im Wald durfte ich ohne Leine toben, mit zwei Freunden, wir sind sogar über Baumstämme gesprungen (Richtigstellung meines Menschen: es war ein morscher kleiner Ast). Mitten im schönsten Spiel ging mein Mensch einfach in die andere Richtung und rief mich, als er kaum noch zu sehen war. Jetzt musste ich wählen: weiterspielen oder zurück zur Leberwurst. Ich gebe zu, ich musste etwas länger überlegen. Die Leberwurst hat gewonnen. So funktioniert mein Rückruf bis heute: zuverlässig, solange das Angebot stimmt. Ein Labrador käme einfach, weil er kommen darf. Tja. Ich bin kein Labrador.

Zu Hause gab es dann noch etwas aus der gut riechenden Box, fellig und herrlich. Erst "Sitz", dann erst auf die Decke, mein Mensch kann einen wirklich quälen. Aber ich bin wie ein Pfeil hingeflogen und habe das Ding genüsslich verputzt. Ein Hasenohr, sagt er. Wenn ich so eins nochmal sehe, ist es weg (Anmerkung meines Menschen: hoffentlich erkennt sie die Ohren nicht an den laufenden Exemplaren wieder).

Woche 3 · November 2024

Der ganz normale Welpenwahnsinn

Ab jetzt schreibt mein Mensch wöchentlich statt täglich. Er sagt, das fasst die Höhepunkte besser zusammen. Ich sage, er hat zu wenig Zeit. Beides stimmt. Diese Woche hatte es in sich. Erst die riesigen schwarz-weißen Wesen, diese Kühe, diesmal so nah, dass ich fast ihren Atem spürte. Mutig, wie ich bin, habe ich sie aus sicherer Entfernung beobachtet. Man muss seine Grenzen kennen.

Beim Spielzeug wurde ich übrigens betrogen. Ich war mir sicher, das Pferd mit den vielen Schnüren gewählt zu haben, und am Ende lag eine Krake vor mir. Irgendwas lief da falsch. Mein neues Geschirr nennt mein Mensch "stylisch", ich nenne es Zwangsjacke und bleibe aus Protest gelegentlich einfach stehen. Und dann der Schäferhund, der mich die ganze Zeit anpöbelte: Dem habe ich ordentlich die Meinung gegeigt. Mein Mensch fand das übertrieben. Ich empfand meine Argumente als schlüssig.

Der Tierarztbesuch war erstaunlich okay. Die Tierärztin war nett, mein Gewicht perfekt, mein Fell wurde gelobt, und die zwei Spritzen habe ich dank der leckeren Tube gar nicht gemerkt. Nur zum Abschied gab es kein Leckerchen. Also wirklich. Ich überlege, meinen Menschen zu bitten, den Tierarzt zu wechseln. So geht das nicht.

Fenja als Junghund balanciert schnüffelnd auf einem bemoosten Baumstamm im Wald
Unterwegs auf einem meiner Streifzüge. Balance gehört dazu.
Woche 5 · Dezember 2024

Der Tag, an dem der Wald einstürzte

Es fing harmlos an. Ich schlenderte hinter meinem Menschen her, und plötzlich fielen überall Dinge von den Bäumen. GROSSALARM. Der Wald geht kaputt, dachte ich, ein ganzer Regen aus, ja, aus was eigentlich? Mein Mensch murmelte etwas von "Blättern" und "Herbst" und blieb vollkommen gelassen. Keine Ahnung, was das bedeuten soll, aber ich behalte die Bäume im Auge. Man weiß nie, wann sie sich entscheiden, noch mehr von sich zu werfen.

Am selben Wochenende habe ich mich genüsslich in etwas herrlich Stinkendem gewälzt, und kurz darauf stand ich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Wanne. Überall Wasser. Erst fand ich es schrecklich, dann war das warme Rubbeln doch ganz angenehm. Meine Erkenntnis: Wälzen führt zu einer Wellness-Behandlung mit Massage hinterher. Ob das nun für oder gegen das Wälzen spricht, überlege ich bis heute. Ein Foto wollte mein Mensch machen, hat es aber vergessen. Typisch.

Errungenschaft: Erste Dusche überstanden. Fand ich gar nicht so schlimm. Sage ich aber nicht laut.

Fenja als Welpe auf einem Waldweg im herbstlichen Gegenlicht zwischen den Bäumen
Der Wald, kurz bevor er anfing, seine Blätter zu verlieren. Verdächtig.
Welpenschule

Die Sache mit dem Gehorsam

Die Welpenschule bleibt spannend, vor allem das endlose Warten am Anfang. Besonders, wenn neben einem ein kleiner Kläffer sitzt, der die Klappe nicht hält. Nach zehn Minuten musste ich ihm meine Meinung sagen. Auf dem Platz durfte ich dann toben, beißen, spielen, herrlich. Das Kommando "Komm" habe ich gekonnt ignoriert. Warum zurücklaufen, wenn man noch die Hinterteile der angeleinten Spielgefährten inspizieren kann? Die Tierarztspiele dagegen, Finger in Ohren und Maul, habe ich perfekt gemeistert. Hatte ja schon gegessen.

Zu Hause zeige ich dann gern ein tadelloses "Sitz", genau in dem Moment, in dem mein Mensch es überhaupt nicht von mir will. Timing ist eben alles. Bei einem Kommando mache ich aber keine Witze, und das ist mir selbst wichtig: "Schluss". Wenn das fällt, höre ich sofort auf, egal wie wild ich gerade bin. Mein Mensch sagt, das sei das Wichtigste überhaupt bei einem Hund wie mir. Ich nenne es Ehrensache, nicht Gehorsam. Klingt besser.

Wildpark · Winter 2024

Der Urverwandte

Im Wildpark stand hinter einem Gitter ein riesiger "Hund". Mein Urverwandter, ein echter Wolf. Wir haben uns lange angeschaut. Ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht, ob ich das gruselig oder faszinierend fand. Ähnlich sehen wir uns durchaus. Aber er stand im Kalten hinter seinem Zaun, und ich habe zu Hause ein Sofa. Einen Punkt für mich.

Den Rest des Ausflugs fand ich weniger gelungen. Erst dieser Ort mit den vielen lauten kleinen Menschen, von denen manche in kreischenden Wagen herumgefahren wurden. Dann ein Platz voller Autos, wo die Menschen lärmende Wagen vor sich herschoben. Ich wollte nur weg, aber mein Mensch blieb mitten im Weg stehen und "beobachtete alles". Nie wieder, das habe ich ihm deutlich gezeigt. Am Ende war ich allerdings schon ein bisschen mutiger. Sagt er. Ich bestreite das.

Junge Fenja mit deutlichem Wolfslook läuft frontal auf den Betrachter zu, beide Ohren aufgestellt
Seht ihr die Ähnlichkeit? Eben.

Heute

Aus dem Welpen ist inzwischen eine Gefährtin geworden, Level zwei, steht oben in der Ecke und steigt an jedem meiner Geburtstage. Geblieben ist eine Menge: der Eigensinn, der wachsame Blick auf herabfallendes Laub, die tiefe Zuneigung zum Sofa und mein gesundes Misstrauen gegenüber dem Saugroboter. Die Möhrensuppe übrigens auch.

Dazugekommen ist etwas, das mein Mensch ziemlich praktisch findet: Ich lese seine Laune, bevor er selbst merkt, dass er schlecht drauf ist. Wir sind ein eingespieltes Team. Meistens. An den Tagen, an denen ich den Ball nach dem zweiten Wurf lieber liegen lasse, sieht er das vermutlich anders. Aber er wirft ihn ja auch ständig wieder weg.

Erwachsene Fenja läuft aufmerksam durch einen grünen Wald, wolfsgraues Fell, hochläufiger Körperbau
Heute: dieselbe Wölfin, nur größer und mit deutlich mehr Verhandlungsgeschick.

Was hinter dem Wolfslook steckt

Mein Aussehen kommt nicht von ungefähr, und mein Dickkopf auch nicht. Wenn du wissen willst, woher meine Rasse kommt und warum sie nicht zu jedem passt, hat mein Mensch das aufgeschrieben.

Der Marxdorfer Wolfshund →

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